Samstag, 19. April 2014

Zu Gast: Jonas Winner




KW: Lieber Jonas Winner, was würden Sie sagen, hat Sie zum Schreiben gebracht? Haben Sie immer schon gerne geschrieben oder sind Sie erst im Laufe der Zeit dazugekommen?

Liebe Kathrin Wagner, freut mich, von Ihnen zu hören … Was hat mich zum Schreiben gebracht? Ich habe mit großer Begeisterung als Kind selbst Romane gelesen und Filme angeschaut. Irgendwann stand fest: Das will ich auch. Ich will Geschichten erzählen, die einen gerade so fesseln, wie ich von den Geschichten gefesselt worden bin, die ich gesehen oder gelesen habe. Zuerst war mir das nicht so klar, aber je länger ich dieses Ziel verfolgt habe, desto deutlicher wurde es: Der entscheidende Punkt beim Erfinden von Geschichten ist, dass man sie AUFSCHREIBT. Mir war immer bewusst, dass die Niederschrift viel Arbeit macht, vielleicht habe ich deshalb zuerst gezögert, mich wirklich ganz und gar dem Schreiben … sozusagen zu verschreiben. Irgendwann aber war es unvermeidlich: Alles andere führt nicht wirklich zum Ziel. Alles, was ich machen muss, ist, mich an einen Tisch setzen und die Sache aufschreiben. 


KW: Vom Reporter zum Autor, ein Weg, den viele Journalisten wählen. Wie kam es dazu und was hat den Beruf des Autors reizvoll für Sie gestaltet?

Bei mir war das vielleicht insofern ein wenig anders, als das ich Reporter beim FERNSEHEN war. Als ich noch jünger war, hat mich das Bild - Fernsehbilder, Kinobilder - ungemein fasziniert. Deshalb habe ich nach dem Studium angefangen, beim Fernsehen zu arbeiten. Erst als Reporter, als Nachrichtenmann, später auch als Drehbuchautor. Das habe ich relativ lange gemacht, immer deutlicher wurde jedoch mit der Zeit, dass beim Fernsehen, weil das endgültige Produkt viel Geld kostet, auch viele Menschen ein Mitspracherecht haben. Und oftmals wollen nicht alle genau das Gleiche. Oft einigt man sich dann auf eine Variante, mit der alle leben können. Das aber ist häufig die schlechteste Variante, die Variante, der … am liebsten würde ich sagen: das Leben schon ein wenig ausgetrieben sein kann. Beim Roman ist das anders, zumindest in meiner Erfahrung. Die Verlage nehmen weniger Einfluss, wahrscheinlich auch weil es weniger Geld kostet, ein Buch herauszubringen, als einen TV- oder Kinofilm.


KW: Haben Sie neben dem Schreiben überhaupt noch Zeit Drehbücher zu verfassen und Reportagen zu schreiben? Wenn ja, was gibt es für aktuelle Projekte?

Es gibt eine ganze Reihe von Projekten in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung. Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich spreche nicht gern über Vorhaben, die noch nicht abgeschlossen sind.


KW: Was halten Sie von der Aussage Florian Kesslers, der die Situation des Literaturbetriebes in der Zeit beklagte, der einen nur überleben lasse, wenn man aus gut situierten Verhältnissen stamme? Ist es unmöglich, anders den Durchbruch in Deutschland zu schaffen? Oder bietet gerade das Selfpublishing über Amazon einen Ausbruch aus dieser Lage? (Den ganzen Artikel finden Sie übrigens hier: http://www.zeit.de/2014/04/deutsche-gegenwartsliteratur-brav-konformistisch)

Habe eben den Artikel überflogen, den ich noch nicht kannte. Lustig! Ob das so stimmt, wie er sagt, kann ich nicht beurteilen, da ich keines dieser Literaturinstitute je betreten habe. Ich kann schlecht allgemein darüber sprechen, was in Deutschland möglich ist oder nicht. Ich kann nur über meine persönlichen Erfahrungen sprechen. Bei mir war es so, dass das Selfpublishing in der Tat eine Möglichkeit war, einen größeren Kreis von Lesern zu erreichen, ohne auf die Gunst bestimmter Literaturkritiker angewiesen zu sein. 2011 hatte ich bei dtv meinen ersten Thriller „Davids letzter Film“ herausgebracht und ich hatte mit einigem Engagement versucht, die einschlägigen Feuilletons zu einer Rezension oder Kritik zu bewegen. Natürlich war ich davon überzeugt, dass der Roman einem Meilenstein gleicht, der unbedingt besprochen werden muss. Und natürlich war ich mit dem Echo, das ich hervorgerufen habe, nicht zufrieden.
Erst als ich noch im gleichen Jahr begonnen habe, via amazon / kindle meine Thriller-Reihe „Berlin Gothic“ zu veröffentlichen, habe ich zigtausend Leser erreicht und auf diesem Umweg dann doch noch Eingang in die Feuilletons gefunden. Deutsche Welle, 3Sat, FAZ, Tagesspiegel, Berliner Zeitung etc. etc., plötzlich war meine Arbeit ein Thema. So muss ich ganz klar sagen, dass die selbstveröffentlichte E-Book-Reihe zu einer Resonanz geführt hat, die ich mit dem verlagsverlegten ersten Taschenbuch nicht erreicht hatte. Vielleicht aber war „Berlin Gothic“ einfach auch der außergewöhnlichere Text?
Um noch mal auf den Zeit-Artikel zurückzukommen: Ein bisschen suspekt ist es mir schon, wenn jemand anderen ihre Herkunft praktisch vorwirft. Letztlich – so glaube ich – spielt das Elternhaus, die Ausbildung, in gewisser Weise keine Rolle. Ich bin kein Literaturkritiker oder Philologe, ich weiß nur, dass manche Texte mir gefallen, andere nicht. Das hat sicherlich mit der Persönlichkeit des Autors zu tun. Und ein guter Autor kann jedem Milieu entstammen, würde ich sagen. Natürlich hat jemand, der von zuhause Geld bekommt, schlichtweg mehr ZEIT zum Schreiben als jemand, der Geld verdienen muss. Sollte man Ersterem deshalb das Schreiben verbieten? Ist deshalb sein Text, auch wenn er großartig ist, weniger wert? Das würde ich nicht sagen.


KW: Mit der E-Book-Reihe „Berlin Gothic“ haben Sie auf sich aufmerksam gemacht. Vorher haben Sie aber auch schon ihr Debüt „Davids letzter Film“ beim dtv herausgebracht. Berlin Gothic wurde dann später durch Droemer Knaur verlegt. Worin sehen Sie die Vorteile in der Selbstvermarktung über Amazon? Ist das finanziell lukrativer oder hatte dieser Schritt andere Beweggründe?

Nach „Davids letzter Film“ wollte dtv meinen nächsten Roman 2012 herausbringen. Das wusste ich bereits 2011. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber auch schon mit „Berlin Gothic“ begonnen, das ich als Trilogie herausbringen wollte. Dtv – so schien klar – hätte „Berlin Gothic“ also frühestens 2013, 2014 und 2015 (jedes Jahr ein Band) publiziert. Dass der dritte Band erst 2015 herauskommen würde, erschien mir damals aber viel zu spät. Gleichzeitig erfuhr ich 2011, dass es mit amazon/kdp eine Möglichkeit gibt, einen Text auf eigene Faust zu veröffentlichen – und zwar bei amazon. Also habe ich beschlossen, diesen Weg des selfpublishings zu gehen. Damals, 2011, hatte das ja auch noch fast keiner gemacht und ich wollte es einmal ausprobieren. Der Hauptgrund für diese Entscheidung war also, dass es bei amazon SCHNELLER ging als bei dtv. Und ich brannte darauf, meinen Roman „Berlin Gothic“ zu veröffentlichen.


KW: Was sind die Vorteile über einen Verlag zu veröffentlichen? Für viele ist es ja die Traumvorstellung sein Buch bei einem Verlag wie Droemer Knaur zu vermarkten.

Ein – wie ich finde – wirklich sehr großer Vorteil ist, dass das Buch GEDRUCKT erscheint. Selfpublishing funktioniert ja nur im E-Book-Bereich. Was veröffentlicht wird, ist kaum ein richtiges Buch – man kann es nicht ins Regal stellen. Ich selbst finde E-Books, die ich vor 2 – 3 Jahren gekauft habe, in meinem Reader kaum noch wieder. Ein Verlag hingegen bringt ein gedrucktes Buch heraus. Droemer hat meinen letzten Roman, „Das Gedankenexperiment“, sogar als gebundenes Buch herausgebracht. Das hält ohne weiteres hundert, vielleicht sogar dreihundert Jahre … oder so. Was ist in 300 Jahren mit der Datei des Elektrobuchs? Also, das finde ich schon einen unschätzbaren Vorteil, den nur traditionelle Verlage bieten können.


KW: Wie sieht eigentlich der Prozess von der Idee bis hin zum fertigen Buch in der Regel bei Ihnen aus?

Idee – hinsetzen – aufschreiben – überarbeiten – fertig. (lacht)… naja … ich meine: Darüber könnte man sehr sehr viel schreiben und erzählen – aber letztlich läuft es darauf hinaus. Vielleicht sollte ich sagen: Nach der ersten Idee und vor dem Beginn der Niederschrift überlege ich mir ein paar Tage lang noch, wie in etwa ich die Geschichte erzählen möchte. Skizziere eine Art Grundgerüst. Wichtigstes Merkmal des Gerüsts für mich: Es sollte Anfang, Mitte und Ende der Geschichte klar machen.


KW: Wie schätzen Sie den derzeitigen Wandel ein? Zerstört die Selbstvermarktung von eBooks den Büchermarkt oder ist es als sinnvolle Ergänzung zu betrachten? Oder wird der Büchermarkt so von zu viel mittelmäßiger Literatur überschwemmt?

Überschwemmt – nein, das finde ich nicht. Ich finde es toll, dass jeder die Möglichkeit hat, seinen Text der Öffentlichkeit zu präsentieren. Was soll daran schlecht sein? Das tut doch niemandem weh. Das ist ja das Tolle: was er oder sie lesen möchte, kann er oder sie sich ja nun wirklich selbst aussuchen. Und dass jeder Autor für seinen Text ein wenig die Werbetrommel rührt, finde ich nun wirklich verständlich. Natürlich ist es bitter, dass Buchhandlungen durch die E-Books massiv unter Druck geraten. Mein Leben lang habe ich es geliebt, in Buchhandlungen zu stöbern – und liebe es immer noch. Aber: Man kann die Uhr nicht zurückdrehen, denke ich. Und ich finde, dass mit dem Beginn des E-Book-Zeitalters auch eine Menge vorteilhafter Neuerungen Einzug gehalten haben. Zum Beispiel dass ich ein Buch, das mich interessiert, SOFORT per Knopfdruck erhalten und „aufschlagen“ kann, ohne irgendwohin laufen und warten zu müssen.


KW: Denken Sie, dass die Veröffentlichung über Amazon auch als Plattform für wissenschaftliche Ausarbeitungen genutzt werden sollte beziehungsweise sinnhaft ist? Ich spiele zum Beispiel mit dem Gedanken meine Bachelorarbeit „Massenmörder oder Megastar? Charles Manson als mediale Ikone des Bösen.“ dort zu veröffentlichen. Würde sich so eine Veröffentlichung überhaupt rentieren?

Wow – das ist ja ein Wahnsinns-Thema! Wirklich, finde ich sofort spannend. Ob sich das „rentiert“, wie Sie sagen – das kann ich schlecht einschätzen. Aber das Thema klingt, wie gesagt, in meinen Ohren sofort packend. Nun ist natürlich die Frage, wie das Buch gelungen ist. Aber warum nicht versuchen, einen Verlag dafür zu bekommen? Vielleicht über einen Agenten? (Also: Erst Agenten anschreiben und für das Thema begeistern. Wenn sich einer dafür interessiert, ihn oder sie das Manuskript Verlagen anbieten lassen.) Und wenn das alles zu nichts führt, können Sie den Text ja immer noch bei kdp lancieren … andererseits: Vielleicht sind Sie ungeduldig und wollen das Buch gleich anbieten. Der Umweg über die Verlage kann natürlich dauern. Und wenn in der Zwischenzeit – worst case – ein anderer zum gleichen Thema etwas herausbringt? Das ist natürlich ein gewisses Risiko. Das ist eine schwere Entscheidung. Vielleicht eine Nacht drüber schlafen und dann machen, wozu sie einfach mehr LUST haben.


KW: Gibt es Unterschiede bei den Verkaufszahlen zwischen eBooks und der gedruckten Fassung? Ist es schwieriger sich auf dem Printmarkt durchzusetzen als bei Amazon? Oder kann man das am Ende gar nicht so pauschal beantworten?

Ja, kann ich so pauschal nicht beantworten. Ich muss sagen, dass ich wirklich sehr positive Erfahrungen sowohl mit den Büchern gemacht habe, die die Verlage herausgebracht haben, als auch beim Veröffentlichen der „Berlin Gothic“-E-Book-Reihe über meinen eigenen Verlag Berlin Gothic Media.


KW: „Berlin Gothic“ wurde sogar in Amerika veröffentlicht, wie wird es dort angenommen?

Bisher ist erst Band 1 erschienen „Berlin Gothic – The Beginning“. Band 2 „Berlin Gothic – Doomed City“ erscheint auf Englisch am 10. Juni. Bisher läuft es ganz gut.


KW: In Ihren Büchern wird immer wieder eine Unterwelt / Parallelwelt Berlins thematisiert. Was fasziniert sie an dieser Unterwelt in der andere Regeln herrschen? Und warum ist der Ort aller ihrer Bücher Berlin? Sie haben zwischenzeitlich ja auch in Rom gelebt, besteht also die Chance, dass eins der nächsten Bücher dort spielt?

Ja, in der Tat, die bisher erschienenen vier Romane spielen alle in Berlin und Umgebung. Aber das wird nicht immer so bleiben. Vielleicht wird es auch mal ein Buch geben, das in Rom spielt. Rom ist ja eine unglaublich faszinierende Stadt, mit ihrer ganz eigenen Bedrohlichkeit, ihren ganz eigenen Geheimnissen. Ich würde wahnsinnig gerne einen Rom-Roman schreiben, habe bisher aber noch nicht die Zeit dafür gehabt.


KW: Ihr neues Buch „Das Gedankenexperiment“ ist Anfang April erschienen. Um was geht es in dem Buch? Darf der Leser sich wieder auf eine Parallelwelt Berlins freuen oder wird er eher Schrödingers Katze begegnen?

Das Buch spielt hauptsächlich auf einem kleinen Schlösschen BEI Berlin. Und was geht es in dem Roman? Am liebsten würde ich sagen: Um Sprache. An keinem meiner anderen Romane habe ich so lange gearbeitet, wie an diesem. Ich habe mehrere Anläufe gebracht, um überhaupt erstmal zu entdecken, wie ich diese Geschichte erzählen kann. Am Ende, als ich mit der Niederschrift fertig war, war ich wirklich sehr glücklich, weil ich das Gefühl hatte, etwas gemeistert zu haben, von dem ich lange Zeit nicht gewusst hatte, ob ich es würde bewältigen können. Und um was geht es nun in dem Buch? Ein junger Mann erlebt auf einem verwunschenen Schlösschen bei Berlin ein Abenteuer … das die Welt verändert … könnte man vielleicht auch sagen.


KW: Ihre Bücher sind alle sehr bildhaft geschrieben, gab es schon Gespräche die Bücher zu verfilmen?

Ja, es gab Gespräche, „Davids letzter Film“ zu verfilmen, und Network Movie und Gruppe 5, zwei deutsche Produktionsfirmen, entwickeln gerade „Berlin Gothic“ als internationale Fernsehserie. Ob daraus jemals etwas werden wird, weiß man natürlich nicht, aber im Moment sieht es gut aus.


KW: „Davids letzter Film“, thematisierte sehr stark die Medienbranche, „Der Architekt“ hingegen eher wieder die Unterwelt Berlins und Architektur. Ihre Thriller haben vielseitige Themen, die aber gut recherchiert wirken. Wie und wie intensiv recherchieren Sie für Ihre Bücher?

Ich suche mir gern Themen aus, bei denen ich mich bereits ganz gut auskenne. (Wie sonst könnte ich darüber schreiben?) Aber ich recherchiere auch. Für „Der Architekt“ bin ich ins Kriminalgericht gegangen, in der Berliner Medienwelt habe ich selbst Jahre lang gearbeitet …


KW: Könnten Sie sich vorstellen ein anderes Genre als den Thriller zu bedienen oder kommt das für Sie definitiv nicht in Frage? Ist es nicht so, dass man irgendwann hinter jeder Ecke einen Bösewicht sieht oder kann man immer klar differenzieren zwischen Fiktion und Wahrheit?

Hmmm … schwer zu sagen …. Also im Moment habe ich den Eindruck, noch klar differenzieren zu können, aber man weiß ja nie, was noch wird …


KW: Wie sehen Ihre weiteren Pläne für 2014 aus? Gibt es neue (Buch)Projekte?

Zurzeit schreibe ich einen neuen Roman für Droemer Knaur. Das wird mich noch eine Weile in Atem halten …


KW: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben meine Fragen zu beantworten.

Danke Ihnen. Tolle Fragen, hat Spaß gemacht! Herzliche Grüße, Jonas

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