Sonntag, 27. April 2014

Serienunikat




Ann-Sophie kommt aus Nußloch. Nußloch, das ist eine Kleinstadt in der Nähe von Heidelberg. Ihr Leben wurde dort schon von den Eltern vorgeformt: Heirat mit dem Jugendfreund, Antreten der Nachfolge der Familienapotheke nach dem erfolgreich absolvierten Pharmaziestudium in  Heidelberg. Doch Ann-Sophie macht ihren Eltern einen Strich durch die Rechnung. Sie packt ihre sieben Sachen und zieht nach Berlin. Nichts wie weg aus dem goldenen Käfig, denkt sie sich und will in Berlin zu sich finden, ihren vorgezeichneten Weg ändern und ein neuer Mensch werden. Schon nach kurzer Zeit muss sie sich eingestehen, dass sie ohne Wohnung da steht und die Couch ihrer Jugendfreundin auf Dauer keine Lösung ist. Dann wird sie auch noch von ihren Eltern unter Druck gesetzt und auch ihr Freund Titus geht ihr gehörig auf die Nerven. 

Der Debütroman von Chantal-Fleur Sandjon beschäftigt sich mit der Generation Y. Das Bild das sie von dieser Generation zeichnet zeigt jedoch nicht mit dem Finger die Schwächen der Generation auf, sondern berichtet über die Auf und Abs während der Selbstfindung und dem Erwachsenwerden. Im Klappentext wird der typische Berliner Hipster angekündigt, jedoch gerät das Hipsterdasein definitiv in den Hintergrund. Viel mehr liegt der Fokus auf der Selbstfindung mit Hilfe psychodelischer Drogen.  Deswegen lernt man eher die Wirtschaftswissenschaftlerin kennen, die gerade dabei ist zu promovieren, in einer Band spielt und gerne mal eine Pille einwirft. Verherrlicht wird der Drogenkonsum aber keines Falls, auch hier wird der Leser die Schattenseiten mit der Protagonistin und ihren Freunden kennenlernen. Wie kann es überhaupt so weit kommen, dass ein verschüchtertes Mauerblümchen wie Ann-Sophie in den Kontakt mit der Drogenszene kommt? Das alles hat mit der Liste zutun, die sie auf einer Party von einem Kerl zugesteckt bekommt. Diese Liste soll sie nicht nur zu sich selbst führen, sondern ihr helfen ein neues, lebenswerteres Leben aufzubauen – in Berlin.

„Serienunikat“ schon der Titel des Buches macht neugierig. Ist er doch ein Paradoxon in sich. Wir alle verstehen uns als Individuum, verschwinden jedoch trotzdem irgendwie in der Menge der vielen Unikate. Sind wir durch unsere Individualität doch alle irgendwie gleich? Der Wunsch individuell zu sein, dass scheint das Hauptmerkmal der Generation Y zu sein. „Serienunikat“ lässt also auf einen Roman hoffen, in dem es mal wieder um die Generation Y geht, die abwertend oft auch als „Me Me Me Generation“ bezeichnet wird. Der Leser begleitet Ann-Sophie, die sich später Ann D’Arc (angelehnt an die sogenannte Jungfrau von Orléans) nennt, auf ihrem Weg der zwar voller Steine ist, aber am Ende überwindet sie sämtliche Hindernisse und ihre Entwicklung ist enorm.

Was wohl am meisten überzeigt ist Sandjons Schreibstil: bunt, laut und impulsiv – so wie Berlin, so wie die Generation Y. Weitere Adjektive die die Generation und den Schreibstil passend beschreiben sind: unsicher, klischeehaft und stereotyp. Oft verwendet sie Redewendungen die dem Gespräch sämtliches Lebenselixier entziehen und unglaubwürdig erscheinen. Beispielsweise wenn Ann-Sophie versucht „hipp“ zu sein und im laufenden Gespräch „FIY“ (for your interest) verwendet. Es erscheint mir unrealistisch, dass jemand der einen gewissen akademischen Grad hat und sich gewählt ausdrückt, in solchen Abkürzungen spricht. Inmitten eines Satzes wirkt diese Formulierung gestelzt und reißt den Leser aus dem Lesefluss. Ein anderes Beispiel ist die Abkürzung für FB – mitten im Satz. So eine Abkürzung ist vielleicht okay, wenn man der Freundin gerade in einer SMS klar machen will, dass auf Facebook etwas passiert ist. In einem Roman wirkt das weder hipp noch besonders innovativ.

„Eine neue Freundschaftsanfrage auf Facebook. Unter welchem Juliane hier wohl lief? Little Miss Perfect? Als ich FB öffnete, erstaunte mich die Anfrage: Luke Snowwalker.“ (Seite 99)

Abgesehen von diesen Fauxpas, sind die Charaktere sehr überspitzt und stereotyp dargestellt. Dadurch wird die Generation Y für jeden der sich nicht zu dieser Generation zählt greifbarer,  der Witz der Geschichte verdeutlicht. Zu ernst darf man die Charakterisierungen aber auch nicht nehmen, sonst könnte man schnell zu dem Schluss kommen, dass die Generation nur aus veganen, drogennehmenden Weltverbesserern besteht, die zwar zu faul sind auf Demos zu gehen, aber mit Guerilla Gardening den ersten Schritt wagen. Sie stehen dann dem Spießbürgertum gegenüber, dass natürlich nur vom Land kommen kann. Berlin rettet also Ann-Sophie vor dem Spießbürgertum, vor dem konservativen Gedankengut der Eltern. Berlin scheint mir wie das Mekka der Generation Y. Jeder der aus einem kleinem Ort kommt hat wohl keine Chance sich selbst zu finden. Zumindest wenn man dem Buch vertraut. Ist es immer notwendig mit Sack und Pack zu verreisen um zu sich selbst zu finden? Darf man nicht glücklich damit sein den Jugendfreund zu heiraten? Kennzeichnet sich die Generation Y wirklich damit, dass man zwanghaft versuchen muss konservative Ketten zu sprengen? In Ann-Sophies Fall mag das richtig sein, aber das Buch soll ja auch kein Patentrezept für ein glückliches Leben sein. 

Lernen kann man trotzdem einiges: Sei immer du selbst, nimm dir die Zeit dich zu finden und mach kaputt was dich kaputt macht. Ein sehr schönes, leichtes Buch, dass versteckt Tipps für das eigene Leben mitgibt. Absolute Wohlfühlliteratur, die nur wenige Schwächen aufweist.

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